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Als Zuschauer mittendrin: Der 360-Grad-Journalismus

Es gibt böse Phrasen, die, sobald ich sie an den Anfang eines Artikels stelle, dafür sorgen, dass kein Mensch den Text mehr weiter lesen möchte. Zum Beispiel diese Phrase:

„Zukunft des Journalismus“

Na? Noch Lust, weiterzulesen? Wahrscheinlich nicht. Dabei gibt es Journalisten, die einfach Neues ausprobieren und schauen, ob es funktioniert, ohne vorab große Reden zu schwingen. Bewunderswerte Menschen sind das, Menschen wie Sarah Hill.

Die amerikanische Reporterin hat StoryUP gegründet und versucht, Reportagen in die virtuelle Realität (VR) zu verlegen. Eigentlich liegt das nahe. Reportagen sollen einen nahe an ein Thema heranführen, und die virtuelle Realität ist die Technik, die größtmögliche Immersion verspricht – ein gutes Paar? Darüber habe ich mich mit Sarah Hill ausgetauscht.

Vorab ein Beispiel von ihr:

Sarah Hill, glauben Sie, dass Journalisten das Potential von VR sehen – oder sind die eher skeptisch?

Ich denke, die meisten Journalisten erkennen die Chancen von immersiven Videos, aber sie sind trotzdem skeptisch, weil sie das Medium noch nicht verstehen. „Virtuelle Realität“ wird oft als manipulierte Realität missverstanden. Aber VR bedeutet beim immersiven Erzählen nicht, die Realität zu verändern, sondern sie anders einzufangen. Das muss die VR-Branche besser an Journalisten kommunizieren.

Ist die Technik schon reif für Tagesjournalismus? Oder muss man viel improvisieren?

Neue Kameras kommen alle paar Wochen heraus und sie verbessern die Synchronisierung der Aufnahmen. Je besser die Kameras werden, desto leichter wird es sein, eine Tagesreportage zu produzieren. Ich habe kürzlich eine solche gemacht, als ich ein 360 Grad Video über eine Flut in Missouri gedreht habe.

Ich brauchte für dass Drehen und Bearbeiten ohne Anfahrt etwa zehn Stunden. Also ja, ich denke VR kann und sollte im Tagesjournalismus eingesetzt werden. Eine Reportage nur in einer vorgegebenen Perspektive zu sehen, erscheint mir als unnötiger Filter. Der Betrachter sollte die Möglichkeit haben, sich außerhalb dieses Rahmens umzusehen. Nicht jede Geschichte eignet sich dafür, aber viele schon.

Ich nutze verschiedene Kameras, die auf dem Markt erhältlich sind, meistens eine Freedom. Sie ist portabel. Wir nutzen auch Drohnen, die für VR wie maßgeschneidert sind.

Sobald die Kamera sich allerdings bewegt – wenn sie zum Beispiel auch nur auf einem Auto installiert ist – besteht die Gefahr, dass den Zuschauern übel wird. Ist das ein Problem bei VR-Reportagen?

Vielleicht. Erzähler müssen sehr vorsichtig sein, wenn es um Bewegungen in immersiven Geschichten geht. Längere Videos können ein Problem für Leute sein, die zur Bewegungskrankheit neigen. Unser Gleichgewichtssystem ist nicht an die VR gewöhnt. Auch 3D Geschichten, die nicht ordentlich montiert wurden, können schwer zu konsumieren sein.

Derzeit bemühen wir uns, den Effekt zu minimieren bzw. nur sehr langsame, kontrollierte Bewegungen zu drehen, bei denen der Horizont eben ist. Außerdem sind alle Aufnahmen, die länger als drei Minuten dauern, schweißtreibend für die Nutzer eines Headsets.

Aber ehrlich gesagt, hängt es auch vom Inhalt ab. Wir produzierten kürzlich eine VR, dank der ältere Veteranen ihre Gedenkstätte virtuell besuchen konnten – das Video dauerte etwa acht Minuten.

Die Veteranen waren um die 80 oder 90 Jahre alt. Sie nahmen ihre Headsets ab und sagten: „Kann ich das nochmal machen?“. Es hängt also wirklich vom Nutzer und dem Inhalt ab. Ich kann jegliche Bewegung eliminieren oder das Ergebnis auf eine bestimmte Zeit limitieren – aber das ist ein Nullachtfünfzehn-Ansatz, um eine gemeinsame VR-Sprache zu finden.

Besser man experimentiert mit verschiedenen Längen und Bewegungen beim Drehen und probiert das bei Freiwilligen aus. Ich habe eine Gruppe von Leuten, denen ich die Geschichten zeige, sobald sie fast fertig sind, um zu sehen, ob diese Leute sich beim Betrachten komisch fühlen. Das letzte, was wir als Erzähler wollen, ist, dass sich die Leute in ihr Headset übergeben.

Müssen Journalisten an VR-Reportagen anders herangehen als an klassische Reportagen?

Wir sind immer noch Reporter und trotz der Herausforderungen müssen wir uns an die gleichen ethischen Standards halten. Wir können die Umgebung nicht als Bühne betrachten, den Leuten sagen, was sie reden sollen oder sonst die Handlung lenken. Das wäre kein Journalismus, das wäre Kino.

Eine Herausforderung ist, dennoch die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu erreichen. Wie stellen wir sicher, dass er zu Punkt A und nicht zu Punkt B schaut? Sollten wir überhaupt versuchen, das zu steuern? Der Ton ist hier unglaublich wichtig, da er das Gefühl der Immersion erhöht. Wir setzen bewusst Umgebungsgeräusche ein, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Wenn wir 360 Grad Reportagen machen, müssen wir wie Choreographen arbeiten, aber nicht, indem wir die Tänzer dirigieren, sondern in dem wir die Kamera so positionieren, dass sie alles einfängt, was relevant ist.

Man muss auch die Herangehensweise an Interviews überdenken, denn es gibt ja keinen festen Rahmen mehr dafür. Wir lassen deshalb die Leute sich selbst interviewen. Und wir sind oft überrascht über die ehrlichen Antworten, die sie geben, wenn kein Reporter mit einem Notizblock neben ihnen steht, der die Fragen stellt.

Wären haptisches Feedback oder ähnliche Techniken interessant für Journalismus?

Ja, Berührung wäre ein unglaubliches Tool…die Möglichkeit, Steine zu fühlen, eine Explosion als Vibration zu empfinden. Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis Journalisten haptische Aufnahmegeräte bekommen.

Was sind Ihre weiteren Pläne mit StoryUp?

Wir möchten vor allem viel Inhalt produzieren. In einigen Wochen veröffentlichen wir eine VR-Reportage, die wir in Sambia gedreht haben. Sie heißt „Gift of Mobility“. Es geht um eine Gruppe von Menschen, die über den Boden krabbeln müssen, weil sie keine Rollstühle bekommen, die sich für alle Geländetypen eignen. Die Geschichte wird den Zuschauer in die Lage eines solchen Menschen ohne Mobilität versetzen, also seine Perspektive vom Boden aus vermitteln.

Weitere Geschichten gibt es in unserem Youtube-Channel:
https://www.youtube.com/sarahhill

2 Kommentare

  1. Pingback: Linktipps aus Bonn über Karneval, Klassiker, Kneipen, Open Access und neue Wege im Journalismus | Bundesstadt.com

  2. I just saw the first few minutes of FLOOD: No, thanks.

Kommentare sind geschlossen.