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Schöne Buchanfänge | Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt

Ich habe viel mehr Bücher gelesen als du. Es spielt keine Rolle, wie viele du gelesen hast. Bei mir sind es mehr. Glaube mir. Ich hatte genügend Zeit dazu. In meinem Zimmer mit den weißen Wänden und den strahlend weißen Bücherregalen sind die Buchrücken die einzigen Farbtupfer. Die Bücher sind alle nagelneu – verkeimte Secondhandausgaben kommen mir nicht infrage. Meine Bücher stammen aus der Welt draußen, und zwar desinfiziert und steril in Plastikfolie eingeschweißt.

Nicola Yoon | Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt

Nicola Yoon Du neben mir

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Kopflos

Schnee bedeckte die Hügel und Wälder. Die Seen und Flüsse waren gefroren, ein Sturm nahm die obere Schneeschicht auf und durchmischte die Luft.

Heimdall sah nicht viel weiter als bis zu seinen Händen. Er schloss die Augen und umrundete seine Hütte, indem er sich an der Holzwand entlang tastete. Als er ein durchdringendes Heulen vernahm, blieb er stehen und hob den Kopf. Das Geheule übertönte das Geschrei des Sturms. Es war eher eine Aufforderung als eine Klage.

Er öffnete die Augen und schaute durch den Schneenebel zum Himmel, wo er zwei undeutliche Schatten wahrnahm. Er atmete tief ein und es dauerte ein wenig, bis er die Luft wieder frei ließ.

Die Wölfe Skalli und Hati. Letzten Endes waren sie also gekommen. Sie nahmen dem Leben das Licht, verschlangen die Sonne und den Mond. Die Sterne fielen vom Himmel.

Heimdall sah nichts mehr, auch nicht den Schnee auf dem Boden. Er fand den Eingang zu seiner Hütte und betrat sie. Ein Feuer brannte im Ofen. Das Licht warf Heimdalls Schatten gegen die Wand. „Ich sehe aus wie ein Tier“, dachte er. „Vielleicht bin ich eins geworden.“

Seine Kinder saßen am Feuer. Sie hatten die Wölfe gehört und warteten auf eine Erklärung. „Die Mächte der Finsternis fordern die Götter heraus“, sagte Heimdall. „Wir müssen sie warnen“.

Über dem Feuer hing das Gjallarhorn an der Wand, zwei Mal so lang wie Heimdalls Arme und an der Öffnung ebenso breit. Er ging damit zum Fenster und blies dem Sturm und dem Heulen der Wölfe eine Warnung entgegen. Ihm war, als würde der Schall den Nebel teilen.

Odin, der den Klang als erster hörte, nahm sein Schwert und stieg auf sein Pferd. „Ist dies das Ende?“, fragte er sich und schaute nach Süden, wo sich die Wölfe inzwischen niedergelassen hatten. „Kann ich diese Mächte bezwingen?“

Er wandte sich von den Feinden ab und ritt in den Norden zu Mimirs Quelle. Es hieß, wer von ihr trinke, dem werde Weisheit geschenkt.

Mimir, der Odin erwartet hatte, sagte, um von der Quelle zu trinken, müsse er ihr ein Auge opfern. Odin zögerte nicht. Er tat, wie verlangt, und zog einäugig in die Schlacht. Seine Armeen führte er weise, aber die Gegner waren kaltblütig und durchtrieben.

„Odins Opfer wird nicht reichen“, sagte Mimir. Er nahm eine Axt und marschierte durch den gewaltigen Sturm zum Yggdrasil, dem Weltenbaum und dem Ursprung von Mimirs Quelle.

Der Baum war von Schnee bedeckt. Der Sturm zerrte an seinen Ästen, aber Yggdrasil regte sich nicht.

„Verzeih mir, aber wir brauchen Deinen Zorn“, sagte Mimir und schlug mit seiner Axt eine tiefe Wunde in den Stamm. „Dein Schmerz ist unser Überleben.“

Der Baum erwachte und schrie. Odin und die anderen Götter hörten ihn und kämpften furchtlos, berauscht von der Wut des Weltenbaums. Sie gewannen die Schlacht. Die Wölfe fielen, aber einer von ihnen verschlang im Sterben den einäugigen Odin.

Der Sturm verstummte. Die Sterne kehrten zurück. Die Sonne stieg aus dem Rachen des toten Wolfes auf, der Mond folgte ihr. Der Himmel klärte sich auf, der Schnee schmolz und die Flüsse flossen wieder.

Aber Odins Sohn Hödur, der auf beiden Augen blind war, schwor Rache. Er suchte Mimir auf und sagte: „Du hast ihm das Auge genommen. Odin war nicht blind geboren wie ich. Du trägst Schuld an seinem Tod“.

Mimir wusste, das dies geschehen würde. Er nickte und kniete sich nieder. Hödur schlug dem weisen Mann mit dem Schwert das Haupt ab.

Die Sonne trocknete das Blut, aber zwei Tropfen gelangten in die Quelle und färbten sie rot. Yggdrasil fiel in einen tiefen Schlaf.

Hödur fornte mit seinen Händen aus dem Stein der Quelle einen kopflose Figur, um Mimir zu verhöhnen.

Als Heimdall mit seinen Kindern durch ein grünes Tal ritt und die Wärme des erwachten Lebens spürte, hielt er plötzlich einen Moment inne und blickte nach Norden. Seine Kinder sahen ihn ängstlich an.

„Odins Sohn, was hast du getan?“, dachte er. „Was soll aus den Menschen werden?“

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Schöne Buchanfänge | Der begrabene Riese

Nach den kurvenreichen Sträßchen und beschaulichen Wiesen, für die England später berühmt wurde, hättet ihr lange gesucht. Gefunden hättet ihr stattdessen endlose Weiden, ödes, unbestelltes Land; hier und dort einen Saumpfad über felsiges Bergland, durch karges Moor. Die von den Römern zurückgelassenen Straßen waren bis dahin meist schon geborsten oder überwuchert, oft von der Wildnis zurückerobert. Über Flüssen und Sumpf hing ein eisiger Nebel, was den Menschenfressern, die es damals noch gab, nur allzu gelegen kam.

Kazuo Ishiguro | Der begrabene Riese

Kazuo Ishiguro Der begrabene Riese

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Rurale Legenden

Der Hang umrahmte den Sportplatz außerhalb des Dorfes und war mit Bäumen und dichtem Gebüsch bedeckt. An einer Stelle gab es eine traktorbreite Öffnung.

Es war still, der Schnee dämpfte die Geräusche.

Torsten und ich standen mit unseren Schlitten oben am Hang und grübelten. Wenn Jugendliche in unserem Alter grübelten, kam meist nichts Gutes dabei heraus.

Torsten hatte einen Holzschlitten, ich einen Plastikschlitten mit zwei Bremshebel links und rechts. Vorne war ein breiter, hässlicher Riss, mit Paketklebeband zusammengeklebt, da ich Tage zuvor einen Baumstumpf in eine Sprungschanze umfunktioniert hatte.

Torsten schaute mich an und sagte: „Die Strecke ist langweilig. Ich bin Clint Eastwood“.

Er stellte sich auf seinen Schlitten, einen Fuß leicht nach vorne versetzt, als wäre er auf einem Surfbrett, obwohl ich Clint nie surfen gesehen habe.

„Mach‘ mir das mit deinem Plastikteil einmal nach“, sagte Torsten und lachte mich aus.

Er bat mich, den Schlitten festzuhalten, bis er ein Zeichen gab. Das Seil vom Schlitten nahm er in die Hand.

„Los!“, rief er. Der Schlitten fuhr ab. Torsten hielt sich aufrecht und schwang das Seil über sich wie ein Lasso. Er brüllte: „Aus dem Weg, Cabrón!“.

Der Schlitten näherte sich einer 70 Jahre alten Rotbuche, die auf ihn blickte, als hätte er nicht alle Tassen im Schrank. Die Buche dachte, sie sei alt, da könne ein junger Mann nicht von ihr erwarten, dass sie zur Seite trete und überhaupt, sie habe Wurzeln.

Torsten sah dies in den letzten schmerzfreien Sekunden jenes Wintertages ein und verstummte.

Es vergingen zwei oder drei Sekunden. Ich hörte nichts außer dem gedämpften Knirschen des Schlittens auf dem Eis. Und dann krachte er in die Buche.

Torsten schaffte es noch, seinen Körper zu drehen und den rechten Arm zwischen sich und den Baum zu schieben. Es sah von hinten aus, als wolle er der Buche einen Bodycheck verpassen, mehr wie Uwe Krupp als wie Clint Eastwood.

Der Baum gab keinen Millimeter nach, und Torsten plumpste in den Schnee wie ein erschossenes Eichhörnchen. Nach einigen Schrecksekunden kam er auf die Beine und schrie: „Baum!“

Das war der Moment, in dem ich lachte.

Der Schlitten war heil. Der Baum auch. Torsten funkelte mich böse an. Seinen Arm konnte er nicht mehr bewegen. Er war gebrochen.

Ich lachte nicht mehr.

Mit der linken Hand nahm Torsten das Seil und zog den Schlitten fort, den Kopf gesenkt, während ich auf dem Hügel stand und ihm beschämt hinterher schaute, wie er kleiner und kleiner wurde. Vereinzelte Schneeflocken fielen vom Himmel.

Ich setzte mich auf meinen Plastikschlitten, raste an der Rotbuche vorbei und sah sie dabei respektvoll an.

Unten stapfte ich durch den Schnee, um Torsten einzuholen. Wir gingen Seite an Seite zurück in das Dorf. Er erlaubte mir nicht, ihm beim Ziehen zu helfen. Er war Clint Eastwood, verwundet, besiegt, mit geröteten Augen.