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Tubus

Torsten und ich hatten eine Yps gekauft. Darin war ein Bausatz für ein rechteckiges Plastikteleskop mit drei Präzisionslinsen, drei Tubussen und einem Spezialstativ. Wir rissen die Folie der Zeitschrift auf und legten die einzelnen Teile auf einer Mauer vor uns ab. Am Himmel waren Sterne. Keine Wolken. Keine Lichtverschmutzung.

Wir hatten T-Shirts an.

Die Erde drehte sich, der Sternenhimmel verschob sich, und endlich war ich fertig, denn ich hatte mein Instrument zusammen gebaut. „Erster“, rief ich, obwohl ich wahrnahm, dass Torsten schneller war.

Er tat, als hörte er mich nicht.

Das Miniaturstativ ließen wir weg. „Brauchen wir nicht“, sagte ich und Torsten nickte. Ich hielt das Teleskop vor das rechte Torsten und guckte Torsten an. Er sah verschwommen aus, wie verschmierte Ölfarben. Mit dem linken Auge sah ich, dass er sich konzentrierte.

Er schaute gen Himmel.

„Daaa“, schrie er, nachdem er den hellsten Stern ins Visier genommen hatte. „Daaa!“

„Jaaa“, rief ich. „Die Venus!“.

Keiner gab zu, dass wir nichts erkennen konnten. Keine Lavaflüsse, keine Vulkane, keine Einschlagkrater. Wir suchten den Himmel schweigsam nach noch helleren Körpern ab, aber wir fanden keine und legten die Teleskope zurück auf die Mauer.

„Hab dich!“, rief ich und trat Torsten auf den Fuß.

„Einseins!“, rief er, als er meinen traf.

Später, als wir zu Hause waren und schliefen, krabbelten im sanften Licht der Venus rote Samtmilben über zwei Plastikteleskope, die in der Stille unseres Dorfes auf der Mauer lagen.

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Schöne Buchanfänge | Fahrenheit 451

Es war eine Lust, Feuer zu legen. Es war eine besondere Lust, zu sehen, wie etwas verzehrt wurde, wie es schwarz und zu etwas anderem wurde. Das Messingrohr in der Hand, die Mündung dieser mächtigen Schlange, die ihr giftiges Kerosin in die Welt hinausspie, fühlte er das Blut in seinen Schläfen pochen, und seine Hände waren die eines phantastischen Dirigenten, der eine Symphonie des Brennens und Sengens aufführte, um die kärglichen Reste der Kulturgeschichte vollends auszutilgen.

Ray Bradbury | Fahrenheit 451

Ray Bradbury Fahrenheit 451

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Filmgespräche

Die Kulturwissenschaft streitet sich darüber, ob ein Film begonnen hat, ehe „Directed by“ auf der Leinwand erschienen ist.

„Der Vorspann ist ein Werk für sich, ein kleiner Kurzfilm, der filmtheoretisch unabhängig zu interpretieren ist“, sagte ich zu Marta, als wir im Kino saßen. Wir schauten uns „The Fall“ von Tarsem Singh an.

„Ich teile deine Ansicht nicht“, antwortete Marta. „Vorspänne sind bedeutende Teile der Werke. Die Künstler führen in die Seele ihrer Filme ein. Sie machen uns bereit, auf das, was sie uns sagen möchten – so wie uns die ausklingenden Tagträume auf das tiefe Schlafen vorbereiten“.

Wir haben das nicht wirklich gesagt.

Unsere Dialoge gingen eher so:

„Wann fängt’s an?“, fragte ich.

„Keine Ahnung“, sagte Marta. „Willst Du mal an meinem Eis lecken?“.