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Brotkrümel

Ein Jahr auf dem Land, so heißt ein Buch von Anne Quindlen und die Deutsche Verlags-Anstalt hat als Cover ein Foto gewählt, das einen urigen Holztisch mit dreieinhalb Äpfeln zeigt sowie ein aufgeklapptes Messer. Ich bin nicht sicher, ob ich das Buch gekauft hätte, hätte ich es in der Buchhandlung gesehen. Ein weiteres Buch über das Landleben, hätte ich gedacht. Stadtmensch zieht aufs Land, pflanzt Apfelbäume, ist glücklich und schreibt darüber.

Falsch ist diese Vermutung nicht. Hauptfigur ist Rebecca Winter, eine einst erfolgreiche Fotografin aus New York. Sie ist bekannt für ihr Werk „Still Life with Bread Crumps“ („Stillleben mit Brotkrümel“, und das ist auch der viel bessere Originaltitel des Romans). Doch es ist lange her, dass Rebecca eine gefragte Künstlerin war. Inzwischen hat sie Schwierigkeiten, ihre New Yorker Wohnung zu halten. Sie zieht aufs Land in eine abgelegene, spartanisch ausgestattete Holzhütte, während sie ihr New Yorker Appartement untervermietet. Mit der Differenz der beiden Mieten will sie ein Jahr lang ihr Leben auf dem Land finanzieren und Inspiration für ein neues fotografisches Werk finden – ihr Comeback als Künstlerin. Ein Teil des Geldes braucht sie jedoch auch, um die Kosten für das Pflegeheim ihrer Mutter aufzubringen.

Was nun folgt, ist ein Standard des ruralen Liebesromans: Sie verliebt sich in einen Dachdecker und trifft auf allerhand liebenswürdige, skurrile Landbewohner, etwa einen Opernsänger, der seinen Lebensunterhalt als Clown verdient, oder eine endlos redende Frau, die eine britische Teestube betreibt, aber amerikanische Gerichte anbietet, damit die Gäste nicht ausbleiben. Und natürlich verrate ich nicht zu viel, wenn ich sage, dass die Städterin Rebecca am Ende das einfache Landleben dem urbanen Künstlerleben vorziehen wird.

Das Buch hebt sich dennoch von anderen Werken mit ähnlicher Struktur deutlich ab, was daran liegt, dass Anne Quindlen es geschrieben hat. Sie erzählt die Geschichte sehr humorvoll und setzt sich über ihre Protagonisten mit Themen wie dem Altern, Einsamkeit, Freundschaft, Familie und Kreativität auseinander, ohne an Leichtigkeit zu verlieren. Das Buch ist streckenweise traurig, aber nie rührselig.

Und die Geschichte bietet viele Nebenstränge: Da tauchen zum Beispiel überall im Wald Kreuze auf, die irgendjemand aufstellt und mit seltsamen Objekte verziert. Trauert dieser Mensch? Oder will er oder sie sich vom Leben verabschieden? Und dann ist da noch ein Hund, dessen Gedanken wir mitbekommen, da ein kleiner Teil der Geschichte aus seiner Perspektive erzählt wird (ohne dass es peinlich wird). Und dann kommt der Winter, und Rebecca ist plötzlich in ihrer Hütte eingeschneit. Und wer ist diese Frau, die in einem Wohnwagen lebt und einen Namen durch den Wald schreit?

Die vielen Ideen machen diesen Roman so lebhaft und vielseitig. Und am Ende ertappte ich mich doch wieder dabei, dass ich darüber nachdachte, einfacher und natürlicher zu Leben, in Waldnähe zu ziehen, obwohl ich genau weiß, dass das Leben dort in Büchern meist reizvoller ist als in der Wirklichkeit. Aber das macht nichts, dafür sind Bücher ja da.

Trost

Auf einer Strecke, die ich täglich zurücklege, gibt es zwischen zwei Häuserblocks eine Wiese mit Mohnblumen. Ihr Rot überstrahlt das dominante Grün der Wiese, aber in ihrer Mitte ist die Mohnblüte schwarz. Von weitem kann ich nicht erkennen, was diese Schwärze ausmacht, und da ich gerade einen Fantasy-Roman gelesen habe, überlege ich, ob das ein Portal in eine dunkle Schattenwelt ist, in eine Welt des Nichts. Es heißt, dass der schwarze Mittelpunkt des Mohns das Leiden in der Liebe symbolisiert, dass es Liebe demnach nicht ohne den Tod gibt und hinter der Sinnlichkeit der Abgrund lauert.

Ich bleibe vor der Wiese stehen und beobachte einen Schmetterling. Er bewegt sich ruckartig und unruhig, setzt sich auf die Blütenblätter, legt die Flügel einen Pulsschlag lang zusammen. Für einen kurzen Moment ruht er, ehe er aufflattert und zur nächsten Blüte weiter fliegt. Seine Flügel haben die Farbe der Abendsonne, am oberen Rand wechseln sich schwarze und leuchtend gelbe Flecken ab, so wie man sich die Farben gemalter Bienen vorstellt, nicht die verstaubten, verschwommenen Farben echter Bienen.

Ohne seine Flügel sieht der Schmetterling wie ein fieses Insekt aus, aber ohne den insektenhaften Körper wäre der Schmetterling kein Lebewesen, so wie die Mohnblume ohne ihre dunkle Mitte keine Pollen erzeugen könnte. Der Kern des Lebens liegt bei beiden Wesen im Dunkeln. Manchmal denke ich, die Farben würden davon ablenken, dass diese Lebewesen in Wirklichkeit nicht schön sind. Dabei sollte es uns trösten, dass Schönheit in der Natur voraussetzt, auch nicht schön zu sein.

Eisvogelsommer | Schöne Buchanfänge

Sie lag im Gras und aß, wählte zarte Blättchen, die sie vorsichtig abzupfte, um die Wurzeln nicht herauszureißen, stopfte das hellgrüne, vom Tau noch frische Futter in eine Hand, bis sie voll war und steckte sich die Speise in den Mund, kaute und mahlte, tat noch ein Gänseblümchen dazu, als sei es Gewürz. Die hornigen Füße waren von Sandalen, geschnitten aus alten Autoreifen, umschlossen. Ein zerfetzter Rock und ein Poncho hatten den braunen, strähnigen Muskelbeinen ein wenig Blöße gegeben, während sie sich vorwärts wand, mit beiden Händen Gräser abreißend, als könnte sie nicht genug kriegen. Der schwarze Filzhut, eine Art Koks, lag beiseite. Sie hinterließ eine Spur wie eine vegetarische Robbe.

Jan de Leeuw | Eisvogelsommer

Jan Leeuw Eisvogelsommer

1954

Ich habe in einem alten Buch ein Werbeprospekt des Rowohlt-Verlags aus dem Jahr 1954 gefunden, das Jahr, in dem es das Wunder von Bern und den ödesten Tag des Jahrhunderts gab.

In dem Verlagsprospekt werden folgende „neue“ Bücher beworben:

Arnolt Bronnen gibt zu Protokoll
(„Man muß, ob man will oder nicht, diese 496 Seiten lesen“ | Das Freie Wort)

Paul Distelbarth: „Rußland heute“
(„Ein erfreulicher Versuch, das bolschewistische Rußland unvoreingenommen zu betrachten“ | Neuer Vorwärts)

Albert Dubout: „Total verrückt“
(„Ein köstliches Bilderbuch, mit ein wenig Bosheit zwar, aber mit viel Herz“ | Rhein-Neckar-Zeitung)

Jean Effel’s La Fontaine

Ernest Hemingway: „Die grünen Hügel Afrikas“

Friedrich Hielscher: „Fünfzig Jahre unter Deutschen“

Heinrich Eduard Jacob: „6000 Jahre Brot“
(„Ein Buch ist so zustande gekommen, das nicht aufhört zu erregen“ | Die Neue Zeitung)

Hans Henny Jahnn: „Neuer Lübecker Totentanz“

Ernst Kreuder: „Herein ohne anzuklopfen“
(„Ein köstliches und kostbares Buch echter Romantik“ | Welt am Sonntag)

Edgar Maass: „Don Pedro und der Teufel“

Dieter Meichsner: „Die Studenten von Berlin“
(„Einer der stärksten Zeugen dafür, daß unsere dichterischen Kräfte zurückzukehren beginnen“ | Welt am Sonntag)

Henry Miller: „Schwarzer Frühling“
(„Bücher wie dieses hinterlassen eine Aroma“ | George Orwell)

Gregor von Rezzori: „Oedipus siegt bei Stalingrad“

Jean-Paul Sartre: „Kean“

Friedrich Sieburg: „Die Lust am Untergang“

Saul Steinberg’s Umgang mit Menschen

Paul Wegener: „Sein Leben und seine Rollen“

Thomas Wolfe: „Schau heimwärts, Engel!“
(„Ein frommes, zartes, wehmütig-feines Werk“ | Frankfurter Neue Presse)